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Vom Economic Warfare Paper zum Omniwar

Je mehr man sich mit Geschichte befasst, desto mehr hat man den Eindruck, dass man als Deutscher den Geschichtsunterricht zur Vermittlung von Schuldkomplexen übergestülpt bekam. Jedenfalls sollte er wohl kein Verständnis schaffen. Wie spannend und komplex Geschichte sein könnte, wenn man sie nicht auf die Vermittlung einfacher Botschaften reduzierte, zeigt unter anderen der Weg in den ersten Weltkrieg, der keineswegs auf die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares reduziert werden sollte. Vielmehr ging dem Krieg eine jahrelange Planung voraus. Die Briten wollten diesen Krieg und verhinderten dessen vorzeitige Befriedung.

„Im Dezember 1908 erstellte die britische Admiralität das sogenannte „Economic Warfare Paper“, darin wird die Anfälligkeit der modernen deutschen Industrie für wirtschaftliche Angriffe konstatiert. 33 Millionen deutscher Arbeitnehmer seien für ihren Lebensunterhalt auf Industrie und Handel angewiesen. ‚Zwei Drittel von Deutschlands gesamtem Handel ist Überseehandel, und was Rohstoffe für seine Fabriken anbelangt, ist das Land teilweise vollkommen abhängig von Ländern, von denen es durch das Meer getrennt ist.‘ Also könne man Deutschland empfindlich treffen, wenn man die deutsche Industrie von ihren Zulieferern aus Übersee abschnitt. Ein großer Krieg ließe die deutsche Wirtschaft am Rand eines Abgrunds taumeln, folglich müsse die britische Strategie darin bestehen, sie vollends zu ruinieren und Deutschland in „Arbeitslosigkeit, Not und schließlich in Konkurs“ zu stürzen.“

So schreibt Wolfgang Effenberger in seinem Büchlein „Kritische angloamerikanische Stimmen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs“ aus der vielsagenden Reihe „Europas Verhängnis“ (S. 57f.). Er rückt damit den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in ein anderes Licht, das in Deutschland nicht nur nicht beleuchtet, sondern gänzlich anders dargestellt wird. Im Zentrum: Die meist in diesem Zusammenhang bis heute auch in aktuellen geopolitischen Krisen zu wenig beachteten Briten. 

Im Jahr 1906 wurde „Captain George Ballard mit der Bildung eines geheimen Ausschusses zur Formulierung detaillierter Pläne für einen Krieg gegen Deutschland“ beauftragt. „Der Feind stand somit für die britische Elite schon fest: Die Pläne für einen Krieg gegen Deutschland, nicht auf Verteidigung, etwas gegen einen größenwahnsinnigen Kaiser Wilhelm und seine kriegswütigen preußischen Militärs.“

Aus heutiger Perspektive hört sich das an wie ein Déjà-vu. Es reiht sich ein in das jahrhundertelange britische Machtstreben, das mit seinem rücksichtslosen Streben nach imperialer Macht weltweit für sehr viel Leid verantwortlich ist. Schon beim Ersten Weltkrieg ging es demnach nicht um das, was man in der Schule so lernt, sondern um das Ausschalten von Konkurrenten, die dem eigenen Machtstreben im Wege standen und als unerwünschte Konkurrenz im Welthandel gesehen wurden.

Aus (nicht nur) deutscher Sicht ist der Ukrainekrieg und der Keil, der zwischen Deutschland und Russland getrieben wurde, eine Katastrophe, die umso intensiver wird, seit die USA und Israel völkerrechtswidrig den Iran angegriffen haben und die Weltwirtschaft ins Taumeln bringen. Für Deutschland und Europa wird dies verheerende Auswirkungen haben. Die USA haben eigene Energie und betrachten auch beispielsweise die Ölvorkommen von Venezuela als ihre eigenen und verbitten sich Einmischung (Monroe-Doktrin). Deutschland hingegen sagt sich über die EU endgültig von russischen Energieträgern los, nachdem man sich zunächst von den „Freunden“ USA (und vielleicht auch Ukraine) Nordstream 2 wegsprengen ließ, ohne dass dies einen Aufschrei oder wenigstens eine Untersuchung dieses kriegerischen Akts zur Folge hätte. Bereits vorher war Deutschland aus Kohle und Atomenergie ausgestiegen. Letzteres bereits inmitten der Energiekrise durch den Ukrainekrieg, der gerade von deutschen Politikern gegen deutsche Interessen immer weiter intensiviert wurde, nachdem der britische (!) Premierminister Boris Johnson im Frühjahr 2022 ein schnelles Ende des Kriegs hintertrieben hatte, das bereits sehr weit ausgehandelt war. Auch hier gibt es im Ersten Weltkrieg Parallelen, die einen Frieden verhinderten. Wolfgang Effenberger schreibt: „Ohne diesen Putsch (Anm.: in dessen Zentrum Alfred Milner stand) wär in Europa vermutlich sehr vieles anders gekommen. Die Kriegshandlungen wären gestoppt und ein für alle annehmbarer Frieden ausgehandelt worden. Kein Kriegseintritt der USA, kein Bürgerkrieg in Russland, vor allem: kein Versailles.“

Zurück in die Gegenwart: Russland, das über genug Rohstoffe und Land verfügt, wendet sich nun Asien zu. Der Bruch scheint endgültig besiegelt und dürfte damit der größte Erfolg angloamerikanischer Interessen sein. Für Deutschland wird es dunkel. So dunkel, wie es sich viele offenbar nicht ansatzweise vorstellen können.

In den letzten Jahren wurde erneut ein älteres Video vom 4. Februar 2015 verbreitet, das eine denkwürdige Presskonferenz  des Chicago Council on Global Affairs und STRATFOR, einem US-Informationsdienst, der unter anderem Konzerne hinsichtlich ihrer strategischen Entscheidungen auf einem globalen Markt berät. Darin gab der Gründer und Geschäftsführer George Friedmann erfrischend offen und gut gelaunt einige nüchterne Wahrheiten preis, die in der öffentlichen Meinung so nicht vorkommen sollen, weshalb sie mit teils hanebüchener Propaganda zugedeckt werden. Die gesamte Pressekonferenz kann hier auf Englisch nachgehört werden. Der geteilte Ausschnitt liegt sowohl in deutscher Synchronisation als auch zum Nachlesen in Übersetzung vor. Im Folgenden ein sehr wesentlicher Ausschnitt daraus daraus:

„Die Urangst der USA ist, dass deutsches Kapital und deutsche Technologien sich mit russischen Rohstoffen und russischer Arbeitskraft verbinden – eine einzigartige Kombination, vor der die USA seit Jahrhunderten eine Höllenangst haben. Wie wird sich das also abspielen? Die USA haben ihre Karten bereits auf den Tisch gelegt: die Linie zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer. Die russischen Karten lagen schon immer auf dem Tisch: Das Mindeste was sie brauchen ist eine neutrale Ukraine, keine pro-westliche. Weißrussland ist eine andere Frage. Wer mir nun sagen kann, was die Deutschen tun werden, der kann mir auch sagen, wie die Geschichte der nächsten zwanzig Jahre aussehen wird. Aber leider haben sich die Deutschen noch nicht entschieden. Und das ist immer das Problem Deutschlands. Wirtschaftlich sehr mächtig, geopolitisch sehr fragil. Und es weiß nie wie es beides versöhnen kann. Seit 1871 ist das die deutsche Frage, die Frage Europas. Denken Sie über die deutsche Frage nach, denn sie kommt jetzt wieder auf uns zu. Ihr müssen wir uns jetzt stellen und wir wissen nicht wie. Wir wissen nicht was die Deutschen tun werden.“

Nun, mittlerweile ist bekannt, was „die“ Deutschen getan haben und dass dies alles nicht in deutschem Interesse war. Die Folgen spürt Deutschland verstärkt seit 2022. Die brutalen Verwerfungen sind jedoch noch zu befürchten. Dabei ist längst bekannt, dass es vielen ausländischen Mächten genau darum ging. Um an den einleitenden Ausführungen anzuschließen, soll wieder auf ein Buch von Wolfgang Effenberger zurückgegriffen werden, in dem er die Herzland-Theorie des Briten Halford John Mackinder einordnet. „Mit der Geopolitik zur Weltherrschaft“ heißt das kleine Büchlein, dessen Klappentext mit einem Zitat eingeleitet wird: „Wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Welt.“ Und weiter in Bezug darauf: „Dieses Zitat ist die Essenz des Vortrags ‚The Geographical Pivot of History“, den der britische Wissenschaftler und Parlamentsabgeordnete Sir John Halford Mackinder am 25. Januar 1904 vor den Mitgliedern der Royal Geographical Society hielt und veröffentlichte. Es ist die Kernaussage der oft nur Insidern bekannten Herzland-Theorie, die bis heute die internationale Geopolitik bestimmt und hervorragend dafür geeignet ist, die aktuellen weltpolitischen Ereignisse zu erklären. 

Niemand hat das geopolitische Denken der Angelsachsen mehr beeinflusst als Halford Mackinder. Um diesen großen Vordenker zu verstehen, muss man einen Blick auf die wichtigsten geistigen Strömungen in Großbritannien während der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert werfen. Halford Mackinders Geostrategie führte zu zwei Weltkriegen und öffnet dem Dritten Weltkrieg gerade Tür und Tor.“

Wolfang Effenberger zeigt in seinen Büchern Zusammenhänge auf und benennt Verantwortliche. Jeder, der auf Grund der Ereignisse der letzten Jahre Geschichte und die großen Linien der heutigen Zeit besser verstehen will, kommt um dieses Studium nicht herum. Leider sind seine Arbeiten längst nicht so bekannt wie die anderer Autoren. Über Mackinders Heartland-Theorie hat auch Prof. Ulrike Guérot ein Buch geschrieben. Dieses lässt allerdings die Einordnung in den geopolitischen wie gesellschaftlichen und politischen Rahmen und die handelnden Akteure weitestgehend vermissen, wie der Unternehmensberater, Journalist und Autor Dr. Uwe Alschner dies kürzlich in einem englischsprachigen Artikel schreibt. 

Es fragt sich, ob es noch immer zeitgemäß ist, die Verantwortlichen nicht deutlich aufzudecken und zu benennen, um für mehr Verständnis zu sorgen. Es sollte nicht den Siegern vorbehalten sein, die Geschichte zu schreiben. Es fällt ihnen auch zunehmend schwerer, denn immer mehr Menschen werden selbst nicht nur Zeugen des Geschehens, sondern auch zu Chronisten, die in Echtzeit Zugriff auf die Perspektiven über den gesamten Globus haben. Sprachbarrieren sind dank Technik kein Hindernis mehr, sich Zugang zu diesem Wissen zu verschaffen. Das wiederum könnte ein Grund sein, warum der Krieg allumfassend geworden ist und Informationskontrolle sowie kognitive Kriegsführung in den Fokus der Machtstrukturen gerückt sind. Gleichwohl dürfte auch diese Entwicklung am ehesten dann zu verstehen sein, wenn man die Vergangenheit tiefgründig aufarbeitet. Man kann nur froh sein, auf das Wissen derer zurückgreifen zu können, die sich damit jahrzehntelang befasst haben. Selbst könnte man dies wohl alles kaum aufarbeiten und korrigieren, was seit der Schulzeit an Narrativen in die Köpfe gepflanzt wurde. Ob man eine Neugestaltung Europas denken kann, ohne die Gefahren zu sehen, die von ungeheuren Machtstrukturen ausgehen, die rücksichtslos Einfluss auf die Gestaltung in ihrem Sinne nehmen und dabei bereit sind, über Millionen Leichen zu gehen, darf und sollte durchaus infrage gestellt werden.

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