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Stolpersteine für das digitale Gefängnis

Wir leben in Deutschland, wo man bisweilen beruhigt aufatmen kann, wenn man denkt, das digitale Gefängnis stünde unmittelbar vor der Tür.

Am Freitag fuhr ich mit der Deutschen Bahn nach Halle. Ich habe eine Bahncard 25 für die 2. Klasse, weil mir niemand eine Bahncard 100 für die 1. Klasse spendiert. Ich gebe zu, dass ich es nie versucht habe, weil mir das zu peinlich wäre und mir auch die Art nicht liegt, Spender zu erniedrigen, weil sie meine Bedürfnisse und meine Art zu reisen nicht kennen. Gut, das war jetzt für Feinschmecker. Das versteht nicht jeder. Daher zu etwas noch Unverständlicherem.

Jedenfalls habe ich keine Bahncard mehr. Physisch. Abgeschafft. Aus ökologischen Gründen. Ich hatte nachgefragt, weil sie ausgeblieben war. Vielleicht hatte ich den Spam nicht ausreichend gefiltert, um an diese Information zu gelangen. Das sei jetzt alles modern direkt mit meinem Account verbunden, wurde mir mitgeteilt. Genauer habe ich das nicht nachgelesen. 

Stellt sich raus: Ich hätte das irgendwie verbinden müssen. Situation: Fahrkartenkontrolle. Also bereits einen Schritt zu weit. „Was machen wir denn da?“ – frage ich. Sie scheint Zeit zu haben und erklärt mir, dass wir nun in die DB Navigator App gehen. Also machen wir das. Naja, ich mache das und sie schaut mir dabei zu, weil so ein Ticket nicht gültig ist, ohne die den Fahrpreis geringfügig ermäßigende Bahncard vorzulegen. Man darf auch nicht davon ausgehen, dass dies automatisch mit dem Ticket verknüpft ist, weil man ja über seinen Account gebucht hat, in dem die Bahncard nebst persönlicher Daten hinterlegt ist. 

Die App ist offen und Polen jetzt auch, weil da nichts hinterlegt ist. Ich habe kein gültiges Ticket, aber man gibt sich freundlich. Ein paar Stunden Zeit hätten wir ja noch, um das Problem zu beheben. Also ich. Sie kann mich schließlich nicht die weiteren Stunden dabei begleiten, in denen ich versuche, diese Bahncard aus meinem Account in meinen Account auf der App zu bekommen. Das verstehe ich. Man hat ja Besseres zu tun. Zum Glück bin ich noch nicht in dem Alter, in dem das, was folgt, als Altersdiskriminierung durchgehen könnte. Aber faktisch bin ich Altersrentner, was das Digitale betrifft. 

Es hilft nichts. Man weiß ja, was einem blüht, wenn man ohne gültigen Fahrausweis unterwegs ist. Da landen auch 17-jährige Mädels nachts um 11 in der Pampa auf irgendeinem Bahnhof. Die kennen keine Gnade. Das will man nicht. Ich logge mich also in die App ein. Name und Kundennummer werden brav angezeigt im Profil. Kurz runtergescrollt. Da ist es, das benötigt Feld: „Digitale Bahncard – Laden Sie Ihre Bahncard einfach in Ihr Profil“. Das gefällt mir. Einfach klingt gut für digitale naives wie mich. Ich klicke. Die Freude über das Wartesymbol währt nur so kurz, dass ich gerade noch zufrieden erkennen kann, dass die Bahncard geladen wird, bis die Meldung erscheint, dass die Bahncard nicht geladen werden kann. 

„Keine Bahncard“ steht da frech. Gut dass die Kontrolleurin weg ist. Wie will man denn sowas erklären? Die werden es ja schließlich wissen. „Das Laden Ihrer digitalen Bahncard 25 oder 50 ist nicht möglich. Bitte nutzen Sie die Funktion auf bahn.de zur Hinterlegung Ihrer Bahncard. Danach können Sie im Navigator auf gültige bzw. demnächst gültige Bahncards zugreifen.“ Direkt drunter ermutigt mich eine Schaltfläche mit der Aufschrift „Jetzt hinterlegen“, dies unmittelbar zu erledigen. Ich klicke und werde weitergeleitet. 

„Diesem Konto Ihre BahnCard oder (digitale) BahnBonus Nummern zuordnen bzw. hinzufügen. Wenn Ihre BahnCard oder (digitale) BahnBonus Nummern hier nicht angezeigt werden, können Sie unter Angabe Ihrer BahnCard bzw. BahnBonus Nummer Ihre Daten diesem Kundenkonto zuordnen. Nach erfolgreichem Übertrag erscheinen die Daten im Menüpunkt BahnCard oder BahnBonus.“

Ich werde skeptisch und mir ist etwas flau im Magen. Ich habe gelernt, wirklich jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und dieses „erfolgreich“ macht mich misstrauisch. Ich klicke auf „Daten zuordnen“ und schon…werde ich gefragt, ob ich eine PIN habe oder nicht. Was denn für eine Dreckspin jetzt schon wieder?!? Ich atme tief durch, was den FFP2-Maskenträger neben mir unruhig werden lässt. Wenn der wüsste, wie oft ich ungeimpft bin. Aber ich kenne ja seinen Status nicht, also kann ich das selbst nicht wissen. 

Wohlan denn, weil mir die App sagt, dass ich für die Zuordnung zu diesem Kundenkonto eine PIN benötige, aktiviere ich das entsprechende Kästchen, um dem System mitzuteilen, dass ich eine solche noch nicht habe, denn das System kann das natürlich nicht wissen. In Erwartung einer PIN, fällt mir ein, dass ich die Mail-Adresse geändert habe und auf diese vom Handy aus gar nicht zugreifen kann. Ich ändere also die Mail-Adresse wieder. Das System sagt mir, dass meine E-Mail-Adresse keine gültige E-Mail-Adresse ist. Ich schaue genau hin, prüfe Buchstabe für Buchstabe und denke mir: DOCH! Aber ich weiß, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen kann, gebe eine andere Mail-Adresse ein und logge mich in das entsprechende Mail-Postfach ein. Jetzt endlich PIN anfordern. 

„Sie haben noch keine PIN oder benötigen eine neue? Dann fordern Sie diese hier an. Die PIN wird umgehend an die E-Mail-Adresse gesendet, die Sie in Ihren BahnCard- oder BahnBonus-Daten hinterlegt haben. Sollte keine E-Mail-Adresse vorhanden sein, senden wir Ihnen die PIN postalisch zu.“

Na siehste, Käpsele! Ich bin ja nicht auf der Brennsuppn daher geschwommen. War doch klar, das mit der Mail. Diesseits Profi. Das System fordert mich auf, meine Bahncardnummer einzugeben, weil es diese natürlich nicht wissen kann. Weil ich die auch nicht weiß, aber mich ja zum Glück in meinem Account befinde, gehe ich zu meiner Bahncard, die mir rot leuchtend entgegenwinkt – jedoch mit dem Hinweis, dass sie nicht zur Vorlage während der Fahrt gilt. Natürlich nicht. Schließlich steht alles da: Name, Kundennummer, die Nummer der Bahncard und sogar mein Geburtsdatum. Wer sagt’s denn. Ich kopiere die Nummer, gehe zurück zur Eingabemaske, füge die Nummer ein und ergänze die Angaben um mein Geburtsdatum, weil das System das nicht wissen kann. Wir haben Nürnberg bereits hinter uns gelassen und ich bin nicht mehr ganz so gelassen. Werde ich es noch vor Erfurt schaffen?

Ich klicke weiter, nachdem ich die im System hinterlegten Daten dem System zur Verfügung gestellt habe. Fehlermeldung: „Für die übermittelten Kontodaten konnte kein Kunde zugeordnet werden.“ Mist, habe ich mich vielleicht vertippt? Wohlan denn. Noch einmal die gesamte Prozedur. Was kann es Schöneres geben? Ich bin ja auch leidenschaftlicher Captcha-Spieler. Versuche 2-5 scheitern ebenfalls mit der gleichen Meldung. Mir wird klar, dass hier heute gar nichts mehr geladen wird. Nur ich. Ich bin geladen. Gleichzeitig beginne ich an meiner Existenz zu zweifeln, denn das Kundenkonto mit all den Daten existiert ja. Das sehe ich ja rot auf weiß vor mir. Zum Glück sitze ich ganz vorne hinter dem Fahrer mit seiner verdunkelten und spiegelnden Scheibe. Ich kann mich sehen. Man kann sich natürlich immer täuschen und die Coronajahre haben mich gelehrt, in einer Simulation zu leben, aber fürs Erste gehe ich von meiner Existenz aus. Hundertprozentig sicher kann ich mir aber nicht sein, denn die Kontrolleurin kehrt nicht mehr zurück. Vielleicht aus Scham vor dem System ihres Hauses. Vielleicht habe ich mir das alles aber auch nur eingebildet.

Der Rest der Fahrt vergeht – geladen. Twitter hat mich aus meinem Premium-Account geschmissen. Der blaue Haken ist weg und ich kann wieder nur mit Zeichenbegrenzung schreiben. 280 Zeichen. Die Hölle für mich. Früher habe ich das als gutes Trainingsangebot verstanden. Ich leide an Grapphorrhoe. Unkontrollierter Schreibfluss. Zeigt sich just in diesem Moment wieder mit einem akuten Schub. Tut mir leid. Ich hab dann früher einfach ein Worddokument vollgeschrieben und ein Bildschirmfoto an den Tweet geheftet. Dann kam Elon und bohrte das Ding auf 25.000 Zeichen auf. Ein Grundstock, mit dem man rudimentär arbeiten kann, weil man schließlich Threads aus mehreren Tweets schreiben kann. Jetzt ist alles weg, aber das Schlimmste: Auch die Ordner sind weg, in die ich Recherchen für verschiedene Artikel gespeichert hatte, von denen ich auf der Fahrt einen Schreiben wollte. 

Ich schaue in meinen Mails nach, ob es eine Fehlermeldung gibt und werde fündig. Die Zahlung der Monatsrechnung soll fehlgeschlagen sein. Das wäre mir neu, das wird Monat für Monat abgebucht, bislang ohne Probleme. Glücklicherweise wird angeboten, dass man den Support kontaktieren möge. Ich klicke erneut naiv erwartungsfroh. Ist ja schließlich kein deutsches Staatsunternehmen. Es öffnet sich ein Fenster. Ich schreibe eine Mail. Die Antwort kommt postwendend: „Our customer support options have changed and this mailbox is no longer monitored.“ Und ich Naivling dachte vorher, dass ich geladen wäre. Ich hyperventiliere. Der FFP2-Träger wird unruhig. 

Ich recherchiere mit verschwommenem Blick und erfahre, dass ich dem Account @premium auf X eine Direktnachricht mit meinem Problem schicken soll. Dort werde ich abschlägig verbeschieden, weil ich ja keinen Premiumaccount habe. Ich solle mich an an den Plebsbot @support wenden. Ich wende. Der Supportbot erklärt mir lang und breit, wie es zum Verlust des Hakens kommen kann, versteht das Zahlungsargument aber nicht, weil die Zahlung ja eingegangen sei. Wenn es ein Problem mit Premium gebe, solle ich mich an @premium wenden. Ich schreie den Bot schriftlich an, lösche aber die schlimmsten Beleidigungen wieder, bevor ich die Nachricht abschicke. 

Der Supportbot bedankt sich für meinen Nachtrag, hat Verständnis für meine Frustration und erweist sich damit als empathischer als 80% meiner Landsleute während der Coronakrise. Der Rest ist aber ebenso wenig hilfreich, wie es der Großteil meiner Landsleute bei der Abwehr eines übergriffigen Staates war. Der Buchbinder-Wanninger-Bot versucht hingegen, nach seinen Möglichkeiten zu helfen:

Es tut mir leid, dass Sie jetzt auch noch in einer Endlosschleife stecken – das klingt nach einem temporären technischen Problem mit dem Abonnement-Management.

Versuchen Sie bitte folgendes, um es zu beheben:

– Leeren Sie den Browser-Cache (Strg + Shift + Del in Chrome) und laden Sie die Seite neu.

– Probieren Sie einen anderen Browser oder die X-App aus.

– Loggen Sie sich aus und wieder ein.

Mache ich alles. Hilft nichts. Zum Glück wurde weitere Hilfe angeboten. 

Falls das nicht hilft, kontaktieren Sie bitte @Premium direkt über die X-App oder http://x.com (folgen Sie ihnen und senden Sie eine DM mit Details zu Ihrem Account). Sie können dort eine manuelle Überprüfung anfordern.

Ich schreie den Bot an und nehme kein Blatt mehr vor den Mund. Ich verlange Kontakt zu einem Menschen und erhalte: Ein Formular. Das fülle ich aus. In 4 Tagen weiß ich mehr. Heißt es. 

Fazit: Das digitale Gefängnis wird nicht nur 1984 und Schöne neue Welt. Es wird auch ganz viel Brazil. Und sei es nur als Zermürbungstaktik, um die digitale ID zu akzeptieren.

Wer meine Arbeit honorieren möchte, findet unter diesem Link ein paar Möglichkeiten zur Unterstützung zur Auswahl. Vielen Dank!